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(DailyFX.de) - Demografische Entwicklung und ihre zukünftigen Auswirkungen auf Finanzmärkte

In der neuen Reihe Die DailyFX Sonntagskolumne wird das Research- Team von DailyFX Deutschland jeden Sonntag einen kurzen Meinungsbeitrag veröffentlichen, welcher in erster Linie zum Nachdenken anregen soll und somit langfristig in das individuelle Tradingverhalten einbezogen werden kann. So besteht die Möglichkeit ggf. eigens erstellte Strategien auf das neue Finanzmarktumfeld anzupassen.

Als Anleger, sei es privat oder institutionell, ist bekannt, dass Kapitalmärkte in bestimmten Trendmustern verlaufen. Es existieren dabei sowohl kurzfristige, als auch langfristige Trendverläufe. Bei der Betrachtung längerfristiger Trends, welche die Märkte in den nächsten Dekaden beeinflussen können, ist die demografische Entwicklung ein wichtiges Thema. Daher befasst sich dieser Beitrag mit den Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf Finanz- und Kapitalmärkte.

Noch nie gab es so viele Rentner in der Geschichte der westlichen Welt

In den nächsten 15 Jahren werden so viele Erwerbstätige in den wohlverdienten Ruhestand treten wie nie zuvor in der Geschichte der westlichen Welt. Demgegenüber steht eine kleinere Gruppe von aktiven Erwerbstätigen. Bei einem Blick auf die Entwicklung der Geburtenraten der führenden Industrieländer wird deutlich warum es zu dieser Situation kommt. Im Folgenden wird beispielhaft an den Geburtenraten der USA der Rückgang selbiger veranschaulicht. Die meisten anderen westlichen Industriestaaten zeigen ein ähnliches Bild.

DailyFX Sonntagskolumne: Demografische Entwicklung und ihre zukünftigen Auswirkungen auf Finanzmärkte

Abbildung 1: Eigene Darstellung unter Verwendung der Daten von: US Department of Economic and Social Affair.

Es fällt auf, dass angefangen von 1960 an, den sogenannten „Babyboomer“ Jahren, eine signifikante Verringerung der Geburtenrate in den USA zu verzeichnen ist. Eine sinkende Geburtenrate bei gleichzeitig steigender Lebensdauer der US-Bevölkerung, wie auch anderer Industriestaaten, ist der Grund für die aktuelle demografische Verteilung. Eine gesunde Demografie sollte in der Regel über eine breite Gruppe von Erwerbstätigen verfügen und einen kleinen Teil Nicht -Erwerbstätigen in Form von Rentnern sowie Kindern und Jugendlichen. Das Auseinanderdriften der Altersgruppen hat logischerweise Auswirkungen auf die Finanzmärkte.

Lebenzyklushypothese – „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“

Nach der so genannten Lebenszyklushypothese sparen private Haushalte während ihres Erwerbslebens und lösen diese Ersparnisse in der Phase des Ruhestands auf, sodass es eine Phase des Sparens und dann des Entsparens in der späteren Lebensphase gibt. Für die Finanzmärkte bedeutet diese Tatsache, dass in absehbarer Zukunft eine steigende Anzahl an älteren Menschen ihre Kapitalanlagen auflöst, was dazu führt, dass das Angebot an Wertpapieren, ob Aktien oder Renten, an den Märkten steigt. Dieses gestiegene Angebotsvolumen steht einer sinkenden Zahl von Anlegern gegenüber, die im Arbeitsleben stehen und Wertpapiere nachfragen. Daraus kann gefolgert werden, dass aufgrund des zu erwartenden Überangebots die Kurse an den Aktienmärkten sinken und an Rentenmärkten die Erträge steigen dürften.

Demgegenüber steht die zunehmende Bedeutung der privaten Altersvorsorge, die einen positiven Effekt auf die Finanzmärkte ausüben kann. Infolge der verstärkten privaten Vorsorge werden in den nächsten Jahren sowohl institutionelle als auch der private Anleger mehr in Altersvorsorgemärkte investieren. Ob Aktien- oder Anleihemärkte stärker von diesen Zuflüssen betroffen sind, hängt von den Anlageschwerpunkten der Anleger ab.

Riskikoaversion im Alter steigt

Der Anlageschwerpunkt im Alter ist risikoärmer. Mit einem steigenden Anteil an Rentnern in der Gesellschaft ist das private Vermögen in risikoaverse Anlagen investiert. Dies spricht dafür, dass es Verschiebungen zu Lasten von Aktien und zu Gunsten von Rentenpapieren gibt. Nicht nur die Anlagen der privaten Haushalte, sondern auch diejenigen der institutionellen Anleger (Versicherungen) sollten hiervon betroffen sein. Dies ist ein Trend, dessen Ansätze schon in den letzten Jahren zu beobachten waren. Zur Absicherung ihrer Renditeversprechen haben die Lebensversicherer und die privaten Rentenversicherer nach den negativen Erfahrungen mit stark schwankenden Aktienmärkten in risikoärmere Anlagen umgeschichtet.

Demografie und Auswirkungen auf die Aktienmärkte

Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung deuten insgesamt darauf hin, dass an den Aktienmärkten auf lange Sicht die Renditen wahrscheinlich nicht mehr so stark steigen werden wie es in der Vergangenheit der Fall war. Auf kurz- bis mittelfristige Sicht, könnten die Aktienrenditen aufgrund der verstärkten privaten Altersvorsorge allerdings noch profitieren und relativ stark steigen. Danach überwiegen die abschwächenden Effekte durch die Wachstumsabschwächung, die Verlagerung von risikoreicheren auf risikoärmere Anlagen und die sinkende gesamtwirtschaftliche Sparquote.

Dennoch existieren auch positive Lichtblicke für die Finanzmärkte, die diese Argumentationskette dämpfen. Zum einen ist der überwiegende Teil an deutschen börsennotierten Aktiengesellschaften international tätig und nicht mehr allein vom deutschen Wirtschaftswachstum abhängig. Diese erwirtschaften hohe Renditen, weil sie weltweit aktiv sind. Zum anderen sind die Käufer deutscher Aktien im Zeitalter internationaler Finanzmärkte nicht nur deutsche Anleger – hierbei handelt es sich um ein internationales Publikum. Dessen Anlageverhalten ist vielfach allein schon wegen dort gänzlich anderer Wachstums- und demografischer Gegebenheiten verschieden im Vergleich zu nationalen Eigenschaften.

Abschließende Bemerkung

Es liegt auf der Hand, dass die Finanzmärkte in einer Volkswirtschaft mit einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung weniger Ertragskraft bieten als bei einer wachsenden Bevölkerung. Doch wie zuvor beschrieben, existieren durchaus auch kompensierende Entwicklungen, die dafür sorgen, dass es nicht zu langfristig dramatischen Abwärtsbewegungen kommt. Die Angst vor längerfristigen dramatischen Kursrückgängen an den Finanzmärkten aufgrund der demografischen Entwicklung ist nach Experteneinschätzung unbegründet.

Der wichtigste Punkt für die Finanzmärkte ist, dass die Wirtschaftspolitik schnellstmöglich wichtige Entscheidungen vornehmen muss, um den durchaus drohenden Gefahren entgegenzusteuern. Damit die führenden Industriestaaten auch in der fernen Zukunft hinreichend hohe Wachstumsraten aufweisen können, sollten die Wachstumspotenziale gestärkt werden. Das Ziel ist es, den sinkenden Wachstumsbeitrag der Erwerbstätigen durch einen steigerungsfähigen Wachstumsbeitrag der Produktivität zu kompensieren. Vom Bürokratieabbau über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Senkung der Steuer- und Abgabenbelastung bis hin zu einer gezielten Familien- und Einwanderungspolitik gibt es hier eine Menge Ansatzpunkte. Daneben ist es die Aufgabe der Finanzpolitik, nicht nur dafür zu sorgen, dass der Staatshaushalt in naher Zukunft ausgeglichen ist, sondern auch die Schulden sukzessive abgebaut werden, damit die nachfolgenden Generationen mit ihrer geringeren Anzahl an Schultern weniger finanzielle Lasten schultern müssen.

Schließlich bringt die Globalisierung immense Vorteile mit sich. Denn die Tatsache, dass Kapital international wandert, ermöglicht es jedem, seine Anlageschwerpunkte so zu setzen um auf lange Sicht hohe Renditechancen zu besitzen. Umgekehrt können internationale Anleger auch in den nächsten Jahrzehnten den deutschen Finanzmärkten zu höheren Renditen verhelfen. Worauf jedoch jeder Anleger bewusst achten sollte: Das Umfeld der Investmententscheidungen wird komplexer.

Literaturverzeichnis

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Analyse geschrieben von Salah- Eddine Bouhmidi, Marktanalyst

DailyFX Sonntagskolumne: Demografische Entwicklung und ihre zukünftigen Auswirkungen auf Finanzmärkte