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Das passiert also, wenn eine Notenbank realisiert, dass sie nicht größer als der Markt ist…

Das passiert also, wenn eine Notenbank realisiert, dass sie nicht größer als der Markt ist…

2015-01-20 10:00:00
Jens Klatt, Marktstratege
Teile:

(DailyFX.de) – Donnerstag, der 15. Januar wird wohl in die Annalen der Devisenmärkte eingehen, ähnlich dem „Schwarzen Mittwoch“ am 16. September 1992, als George Soros die Bank of England „knackte“.

Ein geldpolitischerTsunami?

So wurde zumindest Nick Hayek, der Chef des Uhren-Weltmarktführers Swatch zitiert: "Was die SNB da veranstaltet, ist ein Tsunami."

Er bezog sich auf den Schritt der Schweizer Nationalbank SNB, diebeschloss,den Mindestkursbei 1,20 für den EUR / CHF aufzugeben.

Überraschend kam dieser Schritt allemal, weder die EuropäischeZentralbank (EZB) oder die Federal Reserve der Vereinigten Staaten (FED) noch der IWF wurden informiert über diese weitreichende geldpolitische Entscheidung:

- Die Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, sagte, sie sei "überrascht" von der Entscheidung und frage sich, wieso sie nicht vorher informiert wurde.

-"Es war eine große Überraschung für mich", gab der Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, nach einer Krisensitzung der Delegation für die Wirtschaftspolitik zu.

Jordan selbst konnte den Aufruhr nur bedingt nachvollziehen, hier einige Statements seinerseits aus einem Interview mit der Zeit:

Die Zeit: Donnerstag und Freitag stürzte der Schweizer Aktienmarkt, während der Frankenstieg. Sind Sie von der Reaktion des Marktes auf Ihre Entscheidung überrascht?

Thomas Jordan: Wir waren uns bewusst, dass diese Entscheidung große Auswirkungen auf die Märkte haben könnte. Sie sind auch von großer Unsicherheit aufgrund der Änderung in der Geldpolitik der SNB gezeichnet. Daraus ergibt sich eine höhere Volatilität und Märkte werden nach und nach die Balance wieder finden, was Zeit brauchen wird. Wir beobachten erhebliches Überschießen im aktuellen Preis.

Die Zeit: Warum war es sowichtig,den Marktzu überraschen?

Thomas Jordan: Bei einer wichtige Entscheidung, wie die Aufgabe des Mindestkurses, ist es notwendig, den Markt zu überraschen. Wenn Siezeigen, dass Sie über einen Wechsel nachzudenken, ist die Tür für Spekulanten geöffnet.

Die Zeit: Christine Lagarde klagte gestern nicht informiert worden zu sein. War es notwendig zu informieren?

Thomas Jordan: Die SNB ist eine unabhängige Zentralbank. Unsere Aufgabe ist es, unsere eigenen Entscheidungen vorzubereiten.

Klar ist, dass die Entscheidung der SNB weitreichende Konsequenzen für die Schweizer Wirtschaft hat und man in diesem Zusammenhang von „Opfern“ sprechen darf:

Der Schweizer Export

Wirtschaftsakteure, die Kredite in Schweizer Franken aufgenommen haben (Haushalte,Gemeinden)

• Große Verluste am Devisenmarkt von mehreren großen, internationalen Investmentbanken und Hedgefonds

Diverse Devisenbroker werden nicht in der Lage sein, sich zu erholen, von der Bildfläche „Retail-FX-Brokerage“ verschwinden

Opfer 1] Der Schweizer Export: Der Schweizer Aktienindex SMI fiel am Donnerstag, den 15. Januar 2015 um zeitweise 14%, gab auch am Freitag noch einmal deutlich nach und fiel unter die 8.000 Punkte Marke. Die Reaktion leuchtet ein, umfasst der SMI doch auch die wichtigsten Schweizer Exporteure.

Der Anstieg des Schweizer Franken(CHF) mindert deutlich die Gewinne vieler Schweizer Unternehmen. Diejenigen, die am meisten betroffen sind, sind diejenigen mit geringen Offshore-Produktionskosten. Das heißt, diese Produktionskosten sind in der Schweiz und in Schweizer Franken verankert.

Wie für den Vertrieb, wo die Fremdwährung in Rechnung gestellt wird, greift der negative Währungseinfluss sofort. Obwohl alle Sektoren betroffen sind, sind die drei am stärksten betroffenen exportierenden Schweizer Unternehmen: Swatch, JuliusBär (-25% in zwei Tagen und 22% für den CHF im gleichen Zeitraum) und Richemont.

Laut Goldman Sachs kann ein Anstieg von 10% des Schweizer Franken (CHF), die durchschnittlichen Gewinne der Schweizer Bankenwie UBS und Credit Suisse um 8% mindern.

SMI Daily

Chart erstellt mit FXCMs Trading Station II / Marketscope

Opfer2] Wirtschaftsakteure, die Kredite in Schweizer Franken aufgenommen haben (Haushalte, Gemeinden)

Ein Blick auf deutsche Kommunen: die Stadt Essen hat bspw. Kredite in Milliardenhöhe in Schweizer Franken aufgenommen.

Schon in 2013 beliefen sich die gesamte Schuldenlast der Essen auf mehr als drei Milliarden Euro, welche durch die nun stattgefundene, massive Aufwertung des CHF, den Essen klassisch Short ist noch einmal ansteigt, mindestens um einen größeren, zweistelligen Millionenbetrag.

Für das gesamte Bundesland Nordrhein-Westfalen könnten sich, da neben Essen auch weitere Kommunen CHF-Kredite aufgenommen haben, die Mehrkosten auf fast eine Milliarde Euro belaufen.

Opfer3] Große Verluste am Devisenmarkt von mehreren großen internationalen Investmentbanken und Hedgefonds

Deutsche Bank, Barclays, Citigroup, etc ... die Großbanken, die Marktverluste durch den steigenden CHFzugeben, sind zahlreich. Verluste werden aufmehrere hundert Millionen Euro ausgehend von Berichten im Wall Street Journalgeschätzt.

Zudem melden erste Hedge Funds massive Schieflagen, Everest Capital kündigte die Schließung eines seiner Fonds mit Verlusten von mehr als 800 Mio. US-Dollar an.

Überraschend kommt diese Entwicklung nicht, schaut man sich die Positionierung der Groß-Spekulanten kurz vor der Aufhebung des Mindestkurses im CHF/USD durch die SNB an (Details: http://bit.ly/1CH71HG)

Das passiert also, wenn eine Notenbank realisiert, dass sie nicht größer als der Markt ist…

Opfer4] Diverse Devisenbroker werden nicht in der Lage sein, sich zu erholen, von der Bildfläche „Retail-FX-Brokerage“ verschwinden

Durch das Austrocknen der Liquidität, verursacht durch massive Angebotsüberhänge durch die aggressive Spekulation „Die 1,20er Marke im EUR/CHF“ wird schon halten, kam es am Interbankenmarkt zu Kurssprüngen zwischen 1,20 und 0,85 im EUR/CHF.

Dieser Mangel an Liquidität machte die Ausführungvon Stopps teilweise unmöglich, Retail-Trader erlitten hierdurch massive Slippage, Margin Calls und negative Kontensalden, denen Sie sich aktuell gegenübersehen.

Erste kleinere Broker meldeten am Freitagmorgen Insolvenz an, während einer der weltweit größten Broker FXCM seinen Mindestreserveverpflichtungen durch einen Kreditvon $300 Mio.von der LeucadiaNational Corporation in weniger als 24 Stunden nachkommen konnte (Details hier in Videoform am Ende der Aufzeichnung des Morning Meetings unter http://bit.ly/1ABXTSe ab Minute 05:20).

Zu erwarten ist, dass sich die Auswirkungen nicht nur auf den Markt, sondern auf die gesamte Retail-FX-Branche aus regulatorischer Sicht in den kommenden Monaten deutlich verändern dürften, viele Broker aus dem Business infolgedessen ausscheiden könnten.

Vorsicht vor zu einseitiger Kritik

Allerdings sollte uns bei aller, im ersten Moment eventuell berechtigten, Kritik an der SNB auch eines klar werden: volkswirtschaftlich macht dieser Schritt der SNB durchaus Sinn.

Es sollte außer Frage stehen, dass die Verteidigung des Mindestkurses von 1,20 CHF im EUR/CHF gleichbedeutend mit der Aussage war „man geht von einer Normalisierung der Geldpolitik in der Eurozone aus“.

Dem ist aber nicht so. Seit dem Versprechen Draghis im Juli 2012, man werde alles tun um den Euro zu verteidigen und der dort begonnen Bond-Rallye z.B. italienischer Schuldtitel, ist die Arbeitslosenquote in Italien von rund 11,5% auf ein Allzeithoch von derzeit 13,4% gestiegen.

Die Stimmen, dass ein breitangelegtes EZB-Staatsanleiheaufkaufprogramm ineffektiv sein, die realwirtschaftlichen Effekte nicht auszumachen sein werden, zumindest solange die Kreditvergabe an den privaten Sektor nicht angekurbelt wird, werden immer lauter.

Und die Schweiz hat diese Entwicklung schlussendlich erkannt und nun entsprechend gehandelt und dem Experiment „Fixierung des Wechselkurses EUR/CHF zu 1,2000“ mit einem lauten Knall ein Ende gesetzt.

Analyse geschrieben von Jens Klatt, Chefanalyst von DailyFX.de

Um Jens Klatt zu kontaktieren, sende man eine E-Mail an instructor@dailyfx.com

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