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Japan steuert in die Rezession - Auch Nippon droht eine Art "Fiscal Cliff"

Japan steuert in die Rezession - Auch Nippon droht eine Art "Fiscal Cliff"

Torsten Gellert,

Während in diesen Tagen viel über die so genannte fiskalische Klippe in den USA diskutiert wird, hat die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, Japan, ein ähnliches, wenn nicht sogar viel schlimmeres Problem. Denn im Gegensatz zu den Amerikanern ist Nippon schon mit einem Bein, oder besser gesagt mit einem Quartal, in der Rezession. Die heute veröffentlichten Zahlen zum japanischen Wirtschaftswachstum waren für mich keinesfalls überraschend, bestätigen sie doch nur den Trend der vergangenen Monate. Sie sind in meinen Augen ein weiteres Indiz dafür, dass sich die nun schon über vier Jahrzehnte andauernde Stärke der japanischen Währung langsam dem Ende nähern könnte. Noch scheint der Yen seine Rolle als sicherer Hafen in unsicheren Zeiten, wie wir sie gerade in den letzten Tagen nach der US-Wahl an den Finanzmärkten erleben, nicht verloren zu haben. Da sich für mich die wirtschaftliche und finanzielle Situation in Japan aber weitaus schwieriger darstellt als die in den USA, könnte der sich jetzt schon abzeichnende Favoritenwechsel in Sachen "Save Haven"-Währungen vom Yen weg hin zum US-Dollar weitergehen.

Schauen wir uns die aktuellen Zahlen aus Japan mal etwas genauer an. Schuld an dem Minus von 0,9 Prozent im Quartals- und 3,5 Prozent im Jahresvergleich ist vor allem der schwache Export. Um fünf Prozent ist der Außenhandel eingebrochen, der einstige Wachstumsmotor der japanischen Wirtschaft ist also mehr als nur ins Stottern geraten. Hinzu kommt jetzt noch eine Nachfrageschwäche aus dem Inland, die bislang durch den Wiederaufbau nach der Erdbebenkatastrophe und damit verbundene Konjunkturprogramme der Regierung am Leben erhalten wurde. Mit letzteren könnte bald Schluss sein, denn ähnlich wie in den USA blockieren sich auch die politischen Lager in Japan bei der Frage der Sanierung des schuldengeplagten Staatshaushaltes. Um den laufenden Haushalt zu finanzieren und die Wirtschaft anzukurbeln, muss die Regierung neue Kredite aufnehmen. Doch die Opposition stemmt sich vehement gegen neue Schulden, was man bei einem Schuldenberg von inzwischen mehr als 230 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf den ersten Blick auch nachvollziehen kann.

Die Erhöhung der Mehrwertsteuer konnte sich die Regierung nur mit dem gleichzeitigen Versprechen zu Neuwahlen erkaufen. Seit dieser Ankündigung sind die Umfragewerte für die Demokratische Partei (DPJ) des regierenden Ministerpräsidenten Noda verständlicherweise im Keller. Deshalb hat diese sich bislang um einen Termin gedrückt. Nun steht laut japanischen Medienberichten der 16. Dezember im Raum. Eins ist klar, es muss schnell etwas passieren, sonst müssen immer mehr Investitionen der öffentlichen Hand verschoben werden oder gar ganz wegfallen, solange kein Geld mehr in den Kassen ist. Schon jetzt werden viele Ausgaben aufgeschoben, wovon vor allem die Kommunen betroffen sind. Im dritten Quartal lag das Plus bei den öffentlichen Investitionen noch bei vier Prozent, konnte aber die schwache Nachfrage aus dem Ausland und das Minus im privaten Konsum auch schon nicht mehr kompensieren. Gehen diese weiter zurück, wovon auszugehen ist, ist es für mich nicht mehr die Frage, ob im vierten Quartal erneut ein Minus unter dem Strich steht, sondern nur wie stark der Einbruch wird. Mit zwei aufeinander folgenden Quartalen mit negativem Wachstum würde Japan dann das dritte Mal innerhalb von vier Jahren in die Rezession rutschen. Denn von einer Erholung der Weltwirtschaft und damit einem Anschub der japanischen Exportwirtschaft gehe ich bis zum Jahresende nicht aus. An meiner Einschätzung ändern auch die positiven Zahlen aus China vom Wochenende nichts. Zwar sind die Exporte aus dem Reich der Mitte im Oktober mit 11,6 Prozent stärker gestiegen als erwartet, aber selbst der zuständige Minister bezeichnete die Aussichten für die weiteren Monate "vergleichsweise düster".

Genau wie in den USA drängt also auch in Japan die Zeit. Ob allerdings bei den Neuwahlen, wann auch immer sie stattfinden, eine handlungsfähige Regierung herauskommt, scheint fraglich. Die aktuellen Umfragen zumindest deuten auf einen Wahlausgang ohne klaren Sieger hin. Zum jetzigen Zeitpunkt sind daher für mich die Chancen, dass die USA ihre fiskalische Klippe umschifft, größer, als das Japan am drohenden Haushaltsnotstand vorbeikommt. Immerhin sind die Amerikaner durch ihre Wahl, wenn auch nur einen kleinen, aber immerhin einen Schritt voraus.

Ein großen Schritt allerdings ist die US-Notenbank ihren Kollegen in Tokio dagegen voraus. Während das Gremium um Ben Bernanke die Bilanz der Federal Reserve durch Anleihekäufe seit 2008 fast verdreifacht hat, fällt das Plus der Bank of Japan (BoJ) mit 36 Prozent hier eher bescheiden aus. Die Japaner haben zwar schon in den 90er Jahren mit der Aufblähung ihrer Geldmenge begonnen, aber seit Ausbruch der aktuellen Finanzkrise erst rund 500 Milliarden US-Dollar in den Geldmarkt gepumpt, also nur rund ein Viertel der 2,2 Billionen US-Dollar der Fed. Erst Ende Oktober hatte die BoJ ihr Programm um weitere 11 Billionen Yen (ca. 109 Milliarden Euro) aufgestockt. Jetzt stellt sich für mich die Frage, ob sie schon bei ihrem Treffen am 19./20. November nachlegt oder spätestens im Dezember die geldpolitischen Zügel weiter lockert. Das wird unter anderem davon abhängen, wie sich die politische Situation in Japan weiter entwickelt. Jede dieser Maßnahmen erhöht die Geldmenge weiter und schwächt damit die Währung. Gerade deshalb wird sie ihr Eingreifen auch entscheidend von der weiteren Entwicklung des Yen abhängig machen. Daher halte ich das Risiko für ein Engagement im EUR/JPY oder USD/JPY zum jetzigen Zeitpunkt eher begrenzt. Mein Favorit ist wie schon in den letzten Kommentaren geschrieben und weiter oben angedeutet dabei der US-Dollar. Das erneute Überwinden der Marke von 80 Yen ist für mich nur eine Frage der Zeit. Ich gehe auf Sicht von sechs bis zwölf Monaten weiter von Kursen um die 85 USD/JPY aus.

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