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US-Präsidentschaftswahl - Ein Patt nach der Wahl wäre das Schlimmste

US-Präsidentschaftswahl - Ein Patt nach der Wahl wäre das Schlimmste

Torsten Gellert,

Gerade einmal 16 Cent kann man aktuell bei einem deutschen Wettanbieter gewinnen, wenn man einen Euro auf die Wiederwahl des derzeitigen Amtsinhabers Barack Obama setzt und dieser die US-Präsidentschaftswahl am morgigen Dienstag für sich entscheidet. Und das, obwohl alle Umfragen der letzten Tage eines gemeinsam haben. Sie sagen ein denkbar knappes Ergebnis voraus und rechnen mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Kandidaten. Da stehen die zu gewinnenden 3,75 Euro im Falle eines Sieges des Herausforderers Mitt Romney in meinen Augen schon eher in einem gesunden Chance-Risiko-Verhältnis. Leider gibt es die dritte Option nicht: Am Mittwoch Morgen steht noch keiner der beiden als eindeutiger Sieger fest, weil in Florida Wahlkarten verschwunden sind, in Ohio die Software der Wahlcomputer angeblich manipuliert worden ist oder ein Republikaner aus dem wirbelsturmgeplagten New Jersey die Möglichkeit per E-Mail zu wählen, für gleich 1.000 Romney-Stimmen auf einmal benutzt hat.

Ich kann mich noch gut an die Wahl vor zwölf Jahren erinnern, als der oberste Gerichtshof erst Wochen später die Nachzählung in Florida stoppte und George W. Bush zum Sieger der Wahl erklärte. Passiert dies jetzt noch einmal, wäre das wohl das "Worst Case"-Szenario für die Finanzmärkte. Denn für die Börse ist es nicht besonders entscheidend, wer die Wahl gewinnt, vielmehr muss schnell Klarheit über die zukünftigen Kräfteverhältnisse in der Regierung der Welt- und Wirtschaftsmacht USA herrschen. Das meint auch, dass die Investoren ganz genau hinschauen werden, mit wem der zukünftige Präsident in beiden Kammern des Kongresses zusammenarbeiten muss. Und da gibt es in meinen Augen drei mehr oder weniger wahrscheinliche Möglichkeiten. Die in meinen Augen unwahrscheinlichste zuerst: Republikaner Romney gewinnt die Wahl und holt dazu auch noch die Mehrheiten in Senat und Repräsentantenhaus. Damit wäre das alles bestimmende Thema des drohenden "Fiscal Cliff" zum Jahreswechsel wohl erst einmal vom Tisch. Man würde sich vermutlich darauf verständigen, die Entscheidungen zu geplanten Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen erst einmal zu verschieben. Die im anderen Fall drohende Rezession im ersten Halbjahr 2013 wäre abgewendet. Außerdem würde die Wall Street einen republikanischen Sieg auch trotz der in der Vergangenheit immer besseren demokratischen Bilanzen, was die Entwicklung der US-Börsen angeht, dennoch erst einmal feiern. Der Dow Jones würde neue Höchststände testen, dem DAX würde es gelingen, die Marke von 7.400 Punkten nachhaltig zu überwinden und der Euro würde die 1,30er Marke im Eiltempo überwinden. Bis dann wieder das Thema Schuldenabbau ohne Gefährdung des Wachstums im kommenden Jahr auf den Tisch kommt.

Auf diesen Wahlausgang hin würde ich mich allerdings nicht am Devisen- und Aktienmarkt positionieren. Dann schon viel eher auf einen Sieg Obamas, der aber neben dem jetzt schon republikanischen Repräsentantenhaus auch noch den Senat an seine politischen Gegner verlieren könnte. Politischer Stillstand ist für diesen Fall vorprogrammiert, die Verhandlungen über die Umschiffung der fiskalischen Klippe würden sich bis in die letzte Minute hinziehen. Ein Kompromiss ist zwar wahrscheinlich, aber die zum Zwecke des Sparens dennoch notwendigen Einschnitte würden die aktuell noch eher positiven Anzeichen für eine konjunkturelle Erholung in den USA wieder Vergangenheit werden lassen. In diesem Fall kommt es dann eben auf den Umfang des Programmes an, um abschätzen zu können, wie sich das auf die Finanzmärkte auswirken wird. In jedem Fall bliebe die Unsicherheit an den Märkten, das Geld würde den Dollar als sicheren Hafen ansteuern, DAX und Dow Jones hätten zumindest bis Weihnachten das Nachsehen.

Ähnlich sähe es bei der Konstellation aus, wenn alles so bleibt wie es ist. Obama als Präsident mit den Demokraten im Senat hinter sich, aber weiterhin den politischen Gegner in der zweiten Kammer des Kongresses vor sich. Nur die Verhandlungen könnten aufgrund der Kräfteverhältnisse etwas schneller von statten gehen. Es sei denn, die über die Niederlage so enttäuschten Republikaner wollen es Obama dann so richtig heimzahlen. Keiner will dann am Ende zwar Schuld an einer erneuten Rezession in den USA sein. Aber sollte sich diese Variante abzeichnen, könnte die Verunsicherung an den Märkten über diese Machtspielchen am Ende noch größer sein als im vorigen Szenario.

US_Praesidentschaftswahl_-_Ein_Patt_nach_der_Wahl_waere_das_Schlimmste_body_EURUSD.jpg, US-Präsidentschaftswahl - Ein Patt nach der Wahl wäre das Schlimmste

Auch wenn ich insgesamt die Impulse, die die US-Wahl für die Finanzmärkte liefern kann, für sehr begrenzt halte - das Risiko, von einer zunehmenden Volatilität auf dem falschen Fuß erwischt zu werden, ist in meinen Augen allemal höher als die Chance, die Hoffnung auf eine Nach-Wahl- oder dann auch Jahresendrally erfüllt zu bekommen. Das was sich heute an der Börse abzeichnet, spiegelt genau diese Angst der Marktteilnehmer wider. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Trend noch die Stunden bis zur entscheidenden Wahlnacht anhält. Über diese Nacht hinaus bestimmen die Wahlkarten, die Wahlcomputer, aber auch die vielen schon in Stellung gebrachten Anwälte in den USA das weitere Geschehen. Maximal eine Seitwärtsbewegung an den Aktienmärkten mit leichter Tendenz nach unten und ein weiter steigender US-Dollar sind das, was ich in den nächsten Tagen erwarte. 1,26 EUR/USD könnte diese Woche noch erreicht werden, der Trend steigender US-Dollar und fallender Japanischer Yen bleibt für mich auch weiterhin intakt.

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