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Europa hat sich nur Zeit gekauft, die Probleme sind damit nicht gelöst

Europa hat sich nur Zeit gekauft, die Probleme sind damit nicht gelöst

2012-09-12 13:07:00
Research, Analysten-Team
Teile:

Torsten Gellert, FXCM - 12. September 2012

"Die Anträge der Gegner sind überwiegend begründet." Auf diesen Satz vom Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle, innerhalb der Urteilsbegründung brach spontanes Gelächter im Saal aus und Voßkuhle beeilte sich den Versprecher schnell zu korrigieren: "unbegründet!". Was wäre in diesem Moment wohl an den Finanzmärkten passiert, wenn er nicht schon zehn Minuten zuvor die Rechtmäßigkeit des dauerhaften Rettungsschirmes ESM und des Fiskalpaktes unter Auflagen erklärt hätte? Die 1,30 beim Euro/US-Dollar wären wahrscheinlich wieder unrealistische Zukunftsmusik gewesen. Nun aber hat die Gemeinschaftswährung diese Marke fest im Blick und es ist für mich nur eine Frage von Tagen oder sogar Stunden, wann sie getestet wird. Was danach kommt und damit die langfristige Entwicklung des Euro allerdings hängt von einer anderen Frage ab.

Rettet das nun heute in Karlsruhe gesprochene Urteil tatsächlich die Eurozone, und lösen die damit nun rechtmäßigen 700 Milliarden im Rettungsschirm die Probleme vor allem der südeuropäischen Schwergewichte wie Italien und Spanien? Die Antwort ist für mich ganz klar: Nein. Aber die heutige Entscheidung schafft nicht nur für die Europäische Zentralbank (EZB) das rechtliche Fundament für ihre in der vergangenen Woche angekündigten Anleihekäufe der Krisenländer, sondern bringt auch vor allem eines: Zeit. Zeit, die die Politik in den vergangenen Monaten und vor allem auch Jahren der Währungsunion nicht effektiv genutzt hat, um erstens eine solche Schuldenkrise zu verhindern, und zweitens wieder verlässliche Wege aus dieser zu finden.

Die Augen der Investoren werden sich in den nächsten Monaten vor allem nach Spanien richten. Nach den gestrigen Ausführungen des Ministerpräsidenten Mariano Rajoy sind für mich die Konflikte bei der Frage, ob und wann das Land Hilfen aus dem Rettungsschirm oder Käufe seiner Anleihen durch die EZB erwarten kann, schon vorprogrammiert. Trotz oder auch vielleicht wegen aller Bemühungen, die schon jetzt von der Europäischen Union gemachten Sparvorgaben zu erfüllen, hat sich die Krise im Land weiter verschärft. Ein Viertel aller Spanier ist ohne Job. Da übertrifft das Land sogar Griechenland, dessen Quote bei "nur" 22 Prozent liegt. Vor allem die Situation bei den Jugendlichen ist katastrophal, jeder zweite unter 24 Jahren ist ohne Arbeit.

Die Banken des Landes müssen bereits mit 100 Milliarden gestützt werden, belastet werden die Bilanzen aber durch immer mehr Immobilen, die schon die Schuldner zuvor in den Bankrott getrieben haben. Außerdem müssen immer mehr spanische Unternehmen Insolvenz anmelden, der Unternehmerverband CEOE bekniet die Regierung schon seit Wochen, den Antrag auf Hilfen "so schnell wie möglich" zu stellen. Und doch gibt Rajoy im spanischen Fernsehen den selbstbewussten Staatsmann, der noch nicht weiß, ob sein Land überhaupt diese Hilfen braucht und sich für den Fall des Falles nicht vorschreiben lassen möchte, an welchen Ecken er wie viel zu sparen hat.

Genau darauf wird es in den nächsten Monaten ankommen. Wie werden die einerseits von der EZB im Vertragswerk zu den Anleihekäufen aufgestellten Regeln interpretiert und wie wirken sich aber auch die durch das Karlsruher Gericht auferlegte Höchstgrenze des deutschen Anteils auf 190 Milliarden und die darüber hinaus geforderten weiteren parlamentarischen Genehmigungsverfahren in der Praxis aus. In der Praxis heißt in diesem Fall, dass ich mir schon vorstellen könnte, dass die Finanzmärkte versuchen werden, sowohl die EZB auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu testen als auch die Tragfähigkeit des Rettungsschirmes mit all seinen Auflagen in Frage zu stellen. Die These, allein die Ankündigungen von EZB und Politik würden ausreichen, die Renditen und damit die Finanzierungskosten von Krisenländern langfristig zu drücken, teile ich nicht. Vielmehr kommt es auf die Erfolge bei der Lösung der strukturellen Probleme in diesen Staaten an und wann es Ländern wie Italien und Spanien gelingt, trotz aller Sparbemühungen zu einem Wirtschaftswachstum zurück zu kehren, was es erlaubt, die Schulden aus eigener Kraft zu senken. Das kann in meinen Augen Jahre dauern, vielleicht sogar über die drei Jahre hinaus, bis zu dessen Laufzeit die EZB angekündigt hat, Anleihen zu kaufen.

Die Eurozone und damit auch der Euro sind also auch mit allen Ankündigungen und Entscheidungen der vergangenen Wochen noch lange nicht als geheilt entlassen. Beide haben gerade einmal die Intensivstation verlassen. Rückfälle sind durchaus wahrscheinlich. Auch wenn, spätestens morgen Abend nach der Entscheidung der amerikanischen Notenbank, die Zinsen noch über das Jahr 2014 hinaus nicht zu erhöhen und den warmen Worten ihres Präsidenten Bernanke zu einer Neuauflage einer geldpolitischen Lockerung (QE3), der Euro die 1,30er Marke erklimmen sollte, heißt das für mich nicht, der Weg ist nun frei zu alten Höchstständen. Eine Korrektur auf diesem Niveau halte ich für sehr wahrscheinlich, viel mehr Potenzial sehe ich bei der Gemeinschaftswährung in den nächsten sechs bis zwölf Monaten nicht.

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